Gisela Schöbel-Grass wird 100 Jahre
Unsere Vereinslegende und Schwimmerin Gisela Schöbel-Grass feiert ihren 100. Geburtstag. Mit Gisela Schöbel-Grass verbindet sich ein Stück Leipziger Sportgeschichte, das weit über die Stadtgrenzen hinausstrahlt. Als Weltrekordhalterin im Brustschwimmen und eine der herausragenden Schwimmerinnen ihrer Zeit prägte sie den deutschen Schwimmsport nachhaltig. Doch nicht nur ihre Erfolge in jungen Jahren sind bemerkenswert – bis ins hohe Alter blieb sie dem Schwimmen treu und steht damit wie kaum eine andere für Leidenschaft, Ausdauer und lebenslange Verbundenheit zum Sport.
Frühe Jahre und Einstieg in den Schwimmsport
Geboren am 18. Juni 1926 in Leipzig als Eva Maria Gisela Graß, wuchs sie als einzige Tochter eines Kaufmanns und einer Krankenschwester in einfachen Verhältnissen auf. Mit erst 14 Jahren begann Schöbel-Grass in ihrem Heimatverein Poseidon Leipzig ein regelmäßiges Schwimmtraining, wobei ihre erste Trainerin Martha Grass ihre Tante väterlicherseits war. Martha Grass war nach 1949 auch MoGoNo-Trainerin. Auf Martha Grass folgte Herta Fey – eine ehemalige Weltrekord-Schwimmerin über 500m Brust. Somit war der Grundstein mit weiblicher Expertise gelegt. Gisela Grass wuchs und trainierte in einer Zeit, in der der Sport in Deutschland stark durch das nationalsozialistische Regime geprägt war. Auch der Schwimmsport war in staatliche Strukturen eingebunden und wurde gezielt zur Darstellung sportlicher Leistungsfähigkeit genutzt. Vor diesem Hintergrund entwickelte sie ihr außergewöhnliches Talent im Brustschwimmen und wurde in den damaligen Vereinsstrukturen gefördert. Ihre sportlichen Erfolge sind daher immer auch im Kontext dieser Zeit zu betrachten, ohne dabei ihre persönliche Leistung zu schmälern.
Große sportliche Erfolge
Die größten sportlichen Erfolge von Gisela Schöbel-Grass fallen in die frühen 1940er-Jahre, in denen sie sich als eine der besten Brustschwimmerinnen ihrer Zeit etablierte. Ihren internationalen Durchbruch erreichte sie am 9. Mai 1943, als sie über 100 Meter Brust einen Weltrekord aufstellte. Mit einer Zeit von 1:19,80 Minuten war sie die erste Frau überhaupt, die diese Strecke unter 1:20 Minuten schwamm – eine Leistung, die damals als Meilenstein im Schwimmsport galt. Neben diesem herausragenden Erfolg sicherte sie sich auch nationale Titel und gehörte zur Spitze bei deutschen Meisterschaften. Ihre Leistungen zeichneten sich nicht nur durch Schnelligkeit, sondern auch durch außergewöhnliche technische Präzision im Brustschwimmen aus. Ebenso war sie die erste Frau, die den Schmetterlingsstil in Deutschland einführte. Dieser war vorher nur in den USA verbreitet. In dieser Zeit wurde sie von Hans Erstling trainiert. Auch er war nach 1949 Trainer bei der SG MoGoNo.
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blieb sie erfolgreich und knüpfte an ihre früheren Leistungen an. In den späten 1940er-Jahren gewann sie weitere nationale Wettkämpfe und bestätigte damit ihre Ausnahmestellung im deutschen Schwimmsport. Jedoch blieb es Schöbel-Grass immer verwehrt an internationalen Meisterschaften teilzunehmen. Aufgrund des 2. Weltkrieges konnte sie sich kaum internationaler Konkurrenz stellen, die Olympischen Spiele 1944 wurden abgesagt. Nach dem Krieg wurden vorerst keine deutschen Sportler bei internationalen Wettkämpfen wie bei den Olympischen Spielen 1948 zugelassen. Auch im neuen System der DDR blieb ihr ein Start bei den Weltjugendspielen 1949 in Budapest verwehrt – DDR Sportler erhielten keine Startberechtigung.
Die größten sportlichen Erfolge
- 1942: Deutscher Rekord (100m Brust) 1:21:80 min
- 1943: Deutsche Meisterin (200m Brust)
- 1943: Weltrekord (100m Brust): 1:19:80 min
- 1944: Weltrekord, aber keine Anerkennung (100m Brust): 1:19:30 min
- 1946: 3x Deutsche Meisterin
- 1947: Jahreweltbestzeiten (100m Brust, 200m Brust), Interzonale Meisterin
- 1948: Vize Deutsche Meisterin
- 1948: DDR-Meisterin (100m Brust, 200m Brust, 100m Rücken)
- 1949: DDR-Meisterin (200m Brust)
1949 zog sich Schöbel-Grass aus dem Leistungssport zurück.
Zeit nach dem Leistungssport
Mit dem Rückzug aus dem Leistungssport, widmete Schöbel-Grass ihre Zeit der eigenen Familie, die am 17. Dezember 1949 durch die Heirat mit Dr. med. Edmund Schöbel, welcher in der DDR als Kreissportarzt tätig war, gegründet wurde. Sie ging ihrem Beruf in der Kartografie nach und zog zwei Töchter groß. Malen, Zeitung lesen oder Kreuzworträtsel lösen gehören auch heute noch zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Sie fand auch allmählich zum Schwimmsport zurück.
Engagement im Masters-/Seniorenschwimmen
Seit 1958 schwimmt Gisela Schöbel-Grass bei und für die SG Motor Gohlis-Nord Leipzig. Dabei zog die Schwimmbegeisterung auch Kinder, Enkel und Urenkel mit ins Wasser, die ebenso in unserem Verein aktiv sind. Im höheren Alter fand Schöbel-Grass ihren Gefallen an nationalen und internationalen Wettkämpfen wieder und sammelt Rekorde und Titel im Mastersbereich. Auch wenn sie mittlerweile oft alleine in ihrer Altersklasse schwimmt, können jüngere Schwimmerinnen problemlos abhängt werden. Zu ihren größten Erfolgen in der Welt der Masters gehören der Weltrekord über 400m Lagen in der AK 70 (1996) und der Europarekord über 200m Rücken in der AK 80 (2006).
Zusammenfassung
Gisela Schöbel-Grass beeindruckt nicht nur durch ihre sportlichen Erfolge, sondern vor allem durch die außergewöhnliche Geschichte dahinter. Ihr großes Talent im Brustschwimmen zeigte sich schon früh – und führte in bemerkenswert kurzer Zeit an die nationale und schließlich internationale Spitze. Dieser schnelle Aufstieg zeugt von besonderer Begabung, aber auch von Disziplin, Ehrgeiz und einem unerschütterlichen Willen. Gleichzeitig waren die Bedingungen, unter denen sie ihre größten Leistungen erreichte, alles andere als einfach. Ihre sportliche Karriere fiel in die Zeit des Zweiten Weltkriegs – geprägt von Unsicherheit, Entbehrungen und eingeschränkten Trainingsmöglichkeiten. Umso bemerkenswerter ist es, dass sie gerade unter diesen Umständen Leistungen von Weltklasse erbringen konnte.
Auch über diese Phase hinaus blieb das Schwimmen ein konstanter Begleiter in ihrem Leben. In den Jahren des Umbruchs nach dem Krieg, in einer Zeit des Neuanfangs und der Orientierung, bot ihr der Sport Halt, Struktur und Perspektive. Diese tiefe Verbundenheit zeigt sich besonders darin, dass sie dem Schwimmen über Jahrzehnte hinweg treu blieb und selbst im hohen Alter noch aktiv ist.
So steht Gisela Schöbel-Grass nicht nur für sportliche Spitzenleistungen, sondern auch für Beständigkeit, innere Stärke und die Kraft des Sports, Menschen durch schwierige Zeiten zu tragen.

An dieser Stelle möchten wir Gisela Schöbel-Grass zu ihrem 100. Geburtstag gratulieren, ihr weiterhin ein sportlich aktives und vor allem gesundes Leben wünschen! Vielen Dank für dieses inspirierende Leben.
Mehr Informationen zum Leben von Gisela Schöbel-Grass findet ihr hier:


